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Categories » Arts, Humanities, Social Sciences, Law » Exile Studies » Theologians in Exile
Jutta Vinzent
Ars Memorandi und das Exil
Thursday, May 15, 2008 - Wie und in welcher Form kann man angemessen gedenken, vor allem solchen Lebensschicksalen, die Verfolgung erlitten, ihre Heimat und, in unserem Falle, angestrebte akademische Laufbahn oder bereits sichere Position aufgeben mußten, und sich im Gastland oft nur unter Schwierigkeiten zurechtfanden?

Ars Memorandi und das Exil
Eröffnung der das Kolloquium begleitenden Ausstellung


Jutta Vinzent

Die das Kolloquium „Theologen im Exil“ begleitende Ausstellung soll das Exil der ungefähr 70 Theologen, die während des nationalsozialistischen Regimes das sogenannte „Dritte Reich“ verlassen mußten, bildhaft vor Augen führen. Schautafeln und Ausstellungsobjekte sind gedacht, den Exilierten und ihrem Schicksal zu gedenken.
Wie und in welcher Form aber kann man angemessen gedenken, vor allem solchen Lebensschicksalen, die Verfolgung erlitten, ihre Heimat und, in unserem Falle, angestrebte akademische Laufbahn oder bereits sichere Position aufgeben mußten, und sich im Gastland oft nur unter Schwierigkeiten zurechtfanden?
Wenn man über das Sich-Erinnern nachdenkt, stößt man unweigerlich vor allem auf zwei konträre Themengebiete, nämlich das durch Denkmäler erinnernde Gedenken der Kriegsgefallenen sowie der Verfolgten im Holocaust. In und über die Diskussionen um die bereits bestehenden oder in der Planung befindlichen Holocaust-Denkmäler hinaus geht es inhaltlich vor allem um das „kollektive“ Gedächtnis, einen Begriff, den der französische Soziologe Maurice Halbwachs geprägt hat. In Anlehnung an ihn schreibt Harold Marcuse:

„Collective memories develop when individual memories of lived experiences are shared within groups. This process is mediated by the public dissemination of historical information through films, novels, scholarly works, formal instruction, commemorative ceremonies, and the like. If a group considers these collective images of the past to be an important part of its public identity, it will seek to represent them in the public sphere.”

Die grundlegenden Überlegungen zum kollektiven Gedächtnis, die hier in Hinblick auf den Holocaust genannt werden, können auch auf das Exil übertragen werden. Exilforschung geht zurück auf Betroffene, vor allem Exilautoren und geflohene Literaturwissenschaftler, wie etwa Klaus Mann und Walter Berendsohn, die ihr individuelles Erinnern mit anderen Gleichgesinnten teilten, es verobjektivierten und begannen, vor allem durch Publikationen ihr Wissen und ihre Erfahrenes zu verbreiten, um diesen Abschnitt der Geschichte Teil einer öffentlichen Identität werden zu lassen. In diesem Sinne sind auch solche Projekte zu verstehen, wie etwa, um nur ein Beispiel zu geben, das der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die das Exil zu Beginn der siebziger Jahre zu einem Schwerpunktgebiet erhob und ab 1983 besonders die Wissenschaftsemigration förderte. Eine breitere Öffentlichkeit wurde durch Ausstellungen angesprochen, so etwa, um ein Beispiel aus der Wissenschaftsemigration zu nennen, durch die 1993 vom Exilarchiv der Deutschen Bibliothek zusammengestellte Ausstellung über die Akademie und die „American Guild for German Cultural Freedom“ der deutschen Intellektuellen im Exil.
Der Prozeß von persönlich Erlebtem zum Teilwerden einer kollektiven Identität hat im Fall von Krieg und Holocaust zu öffentlichen Denkmälern geführt; für das Exil gibt es solche nicht, zumindest keine offiziellen; bis jetzt garantierten ja auch Zeitzeugen für das Nicht-Vergessen, eine Tatsache, die leider, - und das sollte uns allen, nicht nur der Generation, der ich angehöre, bewußt sein, - bald der Vergangenheit angehören wird. In diesem Sinne sind auch jene Bestrebungen zu sehen, die alle auf dieses Jahrzehnt zurückgehen, Gedächtnisstätten zu einzelnen Schriftstellern, die emigrierten, zu schaffen, wie etwa, und hierfür bin ich den Hinweisen von Patrick von zur Mühlen zu Dank verpflichtet, dem Denkmal für Walter Benjamin im katalanischen Portbou, in den 90er Jahren errichtet, oder auch Lion Feuchtwangers kalifornische Villa Aurora, die 1995 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde und im Dienste der europäisch-amerikanischen Beziehungen steht. Zudem gab es Überlegungen in einem Hafen in der Nähe von New York, wo viele der in die USA Emigrierten landeten, ein Denkmal zu errichten, was aber nicht realisiert wurde.
Bisher ist das Exil belegt durch Archive und Bibliotheken, so etwa durch das Deutsche Exilarchiv im Haus der Deutschen Bibliothek in Frankfurt, durch Gesellschaften, Zeitschriften, Anthologien und Monographien, Ausstellungen und Konferenzen; das Sich-Erinnern und kollektive Gedenken ist im Bereich der Exilforschung vor allem auf Forschung und Information angelegt, auf Begegnung und Diskussion. Die persönliche, authentische Tragweite, die einem historisierenden Gedenken entge¬genwirkt, welches im Bereich der Auseinandersetzung um Holocaust-Denkmäler vor allem in den 80er Jahren kritisiert wurde, war bisher in der Exilforschung durch Zeitzeugen garantiert, die sich etwa auf internationalen Konferenzen zu Wort meldeten und ihre Sicht der Dinge berichteten. Allerdings wurde gerade diese Nähe zum Geschehen der Exilforschung oft zum Vorwurf gemacht, könne doch hier keine objektive Wissenschaft betrieben werden. Aber hat uns nicht gerade die Postmoderne das Problem vor Augen geführt, daß ein Nicht-Betroffener genauso eine subjektive Sicht der Ereignisse vorbringt, selbst wenn sie auf objektiven Quellenstudien basiert? Ist es nicht eher so, daß sowohl die Sichtweise des Betroffenen als auch die des nicht persönlich Involvierten dazu beitragen können, den heuristischen Verstehensprozeß voranzutreiben? Im Hinblick auf den Gedanken von Kolloquien als lebendiges Gedenken und Wachhalten der Erinnerung bürgen Zeitzeugen für ein im wahrsten Sinne lebendiges Umgehen mit dem kollektiven Gedächtnis.
In diesem Sinne kann nicht nur dieses Kolloquium gesehen werden, sondern auch die es begleitende Ausstellung: Während das Kolloquium Zeitzeugen und Wissenschaftler zu Wort kommen läßt, also persönliche Auseinandersetzung mit dem Exil, die als Kolloquium auf ein gemeinsames Nachdenken angelegt ist, bietet die Ausstellung eine Weiterführung dieses gemeinsamen Nachdenkens, nun aber auf der Basis von Dokumenten und Publikationen, die für sich sprechen.
Die Namensliste der Theologen und die Weltkarte, die die einzelnen Emigrationsländer zeigt, soll vor Augen führen, wie umfangreich dieser Teil der Wissenschaftsemigration tatsächlich war: über 70 Theologen waren nach 1933 in so viele Länder zerstreut, daß es nicht möglich war, die Emigrationswege auf einer Karte zu zeigen. Der Übersichtlichkeit wegen wurden daher zwei Karten benutzt, wobei die Aufteilung der Theologen vorwiegend alphabetisch vorgenommen wurde. Die Karten sind, wie Sie entdecken werden, nicht maßstabgerecht, worauf aus technischen Gründen verzichtet werden mußte. Sie spiegelt allerdings so auch besser die Ballungszentren der Emigration. Wichtige Exilländer waren die USA und die Schweiz, aber auch Südamerika und Ostasien wurden angesteuert.
Die Vitrinen, die Sie im Raum verteilt sehen, sind in drei Schwerpunktgebiete aufgeteilt, die denen des Kolloquiums entsprechen.
Zunächst stehen die Personen im Zentrum. Die beiden Vitrinen zum Saalende hin zeigen Dokumente und Bücher von Emigrierten. Die Tafeln hier vorne, um die man herumlaufen kann, informieren über die einzelnen Theologen. Ihnen wurde dort, wo es möglich war, durch Porträts ein Gesicht gegeben, sie so aus der Anonymität und der reinen Namensliste herausgeholt.
Innerhalb des zweiten Schwerpunktgebietes, Rahmenbedingungen, Gruppen und Institutionen, das durch die beiden Vitrinen hier vorne dokumentiert ist, wurde vor allem das Verhältnis zum Gastland herausgestellt, sowie Institutionen oder Freundeskreise, die geschlossen ins Exil gingen, berücksichtigt, wie etwa die katholisch-theologische Fakultät Innsbruck und die Bonner Theologenfreunde Karl Barth, Fritz Lieb und Karl Ludwig Schmidt.
Im dritten Bereich, Konversion, Ökumene, Aktion und Rückwirkung, dem die beiden Vitrinen in der Mitte hier gewidmet sind, geht es vor allem um die Erforschung der produktiven Leistungen im Exil. Exiltheologen, vor allem Konvertiten, wie etwa Erik Peterson und Karl Thieme, trugen zu den Dialogen zwischen Konfessionen und Religionen bei. Andere engagierten sich politisch, indem sie frühzeitig Perspektiven für eine Neugestaltung Deutschlands nach dem Krieg entwickelten, so Paul Tillich und Frederick Forell, die der Exilorganisation Council for a Democratic Germany angehörten. Außerdem stehen Themen wie die wechselseitige Beeinflussung zwischen Emigranten und ihren Kollegen im Gastland sowie die Rückwirkung der Remigranten auf die Nachkriegstheologie im Zentrum, zwei leider bisher, von Tillich abgesehen, sehr vernachlässigte Forschungsbereiche.
In der vorderen Vitrine sind im oberen Regal Publikationen zur Exilforschungsgeschichte augestellt, um die lange Forschungstradition im vor allem literaturwissenschaftlichen Bereich zu dokumentieren, was allerdings aus Platzgründen nur fragmentarisch geschehen konnte.
Manchmal stehen in den Vitrinen die Beschreibungen der Objekte im Vordergrund, so daß es nicht immer möglich ist, das eigentliche Dokument zu lesen. Hier stand die zu gebende Information im Vordergrund. Wer sich näher für das Eine oder Andere interessiert, kann sich die Vitrinen öffnen lassen. Das gilt auch für die ausgestellten Bücher.
Teilnehmern dieses Kolloquiums war es möglich, eigene Ausstellungsgegenstände einfach mitzubringen und zu den Objekten, die die Ausstellungsgruppe vorab organisiert und beschriftet hat, dazu zu legen, was auch schon heute morgen stattgefunden hat. Leider sind die Vitrinen nun voll, aber man kann ja auch die Tische hier noch benutzen. Mit dem Mitbringen, Ihrem Mitwirken an der Ausstellung selbst, darin, um nochmals auf das lebendige Gedächtnis zurückzukommen, zeigt sich das miteinander sich lebendige Annähern an einen Abschnitt deutscher Geschichte, der zur internationalen wurde, den manche hier aus der Sekundärliteratur und von authentischen Berichten, andere hautnah erlebten oder auch in manchen Fällen „erlitten,“ einen Abschnitt, dem durch solche Veranstaltungen wie Kolloquien und Ausstellungen ein Denkmal gesetzt wird. Dieses sich nun im Detail zu betrachten, darf ich Sie nun einladen.

This text is taken from the volume on Theologians in Exile

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Markus Vinzent
University of Birmingham
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